The Anglophone Crisis – Chronik eines angekündigten Bürgerkriegs

In Kamerun spricht man von der seit nunmehr zwei Jahren andauernden „Anglophone Crisis“. Der Konflikt keimte 2016 auf, als es im englischsprachigen Teil Kameruns  zu Protesten gegen die Zentralregierung kam. Die Wurzeln dieses Konflikts ruhen in der kolonialen Vergangenheit des zentralafrikanischen Landes.

Ein Land – Zwei Sprachen

Kamerun war seit 1884 deutsche Kolonie. Ungeachtet der Tatsache, dass es heute in der Bevölkerung viele Stimmen gibt, die wohlwollend auf diese Zeit zurückblicken, gab es viel Leid unter der deutschen Kolonialherrschaft. Die Ursachen für das positive Bild der Deutschen in Kamerun, vor allem im anglophonen Teil Kameruns, liegen wohl eher in dem, was darauf folgte.

Als das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor, musste es seine Kolonien abgeben. Kamerun wurde in ein britisches und ein französisches Mandatsgebiet unterteilt. Als die Gebiete in die Unabhängigkeit entlassen wurden, konnten die Menschen im britischen Mandatsgebiet entscheiden, ob sie dem alten deutschen Kolonialgebiet oder Nigeria angeschlossen werden wollen. In Southern Cameroons, dem südlichen Teil des britischen Gebiets entschied man sich für den Anschluss an den französischen Teil Kameruns. Am 1. Oktober 1961 entstand somit der neue unabhängige Staat der Föderativen Republik Kamerun mit den beiden englischsprachigen Regionen South-West und North-West. Englisch wurde neben Französisch Amtssprache Kameruns.

Vom Föderalismus zum Einheitsstaat

Als Symbol der Gleichberechtigung beider Landesteile zierte die grün-rot-gelbe Flagge Kameruns zwei Sterne gelbe Sterne in der oberen linken Ecke. 1972 wurde ein Referendum durchgeführt, welches zur Umwandlung des föderalen Staates zu einem Einheitsstaat führte. Die Flagge der neuen Vereinigten Republik Kamerun hatte nun nur noch einen Stern im Zentrum. Nachdem der noch heute regierende Präsident Paul Biya an 1982 die Macht kam, wurde Kamerun zwei Jahre darauf ein weiteres Mal umbenannt und heißt seitdem offiziell Republik Kamerun.

Forderung nach Unabhängigkeit Ambazonias

Seitdem Kamerun seine föderale Struktur verloren hat, fühlen sich die Menschen des ehemals britischen Teils des Landes nicht mehr gleichberechtigt und sprechen vom französischen Teil als Kolonialmacht. Nachdem Paul Biya die Zentralisierung weiter forciert hatte, kam es seit 1984 zu Unabhängigkeitsbestrebungen in Southern Cameroons, welches von den Unabhängigkeitsbefürwortern auch Ambazonia genannt wird. Alle friedlichen Bestrebungen eine Unabhängigkeit zu erlangen, wie die 1994 initiierte All Anglophone Conference, wurden durch die Inhaftierung der Initiatoren oder deren Vertreibung ins Exil von der Regierung niedergeschlagen. Mittlerweile klammern sich viele Menschen an die Hoffnung, dass ein baldiges Ableben des mittlerweile 85-jährigen Präsidenten Paul Biya zur Verbesserung der Lage der anglophonen Bevölkerung führen könnte.

Der neue alte Konflikt seit 2016

Gegen Ende des Jahres 2016 kam es in den großen Städten der Regionen South-West und North-West zu friedlichen Protesten von Lehrern und Anwälten, die sich gegen die Zentralregierung richteten. Hintergrund sind Benachteiligungen der englischsprechenden Bevölkerung vor allem in sprachlicher Hinsicht. Neue Gesetzestexte werden etwa nur in französischer Sprache herausgegeben, die vorherrschende Sprache an Hochschulen, auch im anglophonen Gebiet, ist Französisch.

Den Protesten schlossen sich große Teile der Bevölkerung an, es kam auch zunehmend zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, bei denen Zivilisten getötet wurden. Neben willkürlichen Erschießungen durch das von der Zentralregierung zur Unterdrückung der Proteste gesendeten Militärs, gab es ebenso Berichte über Vergewaltigungen von Studentinnen durch Soldaten. Seither gab es in den großen Städten jeden Montag einen Generalstreik, der sich durch sogenannte Ghost Towns äußerte. Schulen blieben über Monate geschlossen und das Internet in Southern Cameroons wurde abgeschaltet, um die Organisation von Protesten, sowie die Informationslage für die Weltöffentlichkeit zu erschweren.

Rund ein Jahr nach dem Beginn der Proteste kam es zur Formierung bewaffneter Gruppen innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung. Vor allem in der South-West-Region wurden seither immer wieder vereinzelt Soldaten der Zentralregierung getötet. Das Militär reagierte, indem es ganze Dörfer dem Erdboden gleich machte. Mittlerweile hat sich das Kampfgebiet auf das gesamte anglophone Territorium ausgebreitet und Kamerun steht an der Schwelle zum Bürgerkrieg. Die UN verzeichnete bereits 160.000 Binnenvertriebene und zusätzlich 20.000 Menschen, die vor dem Konflikt ins Nachbarland Nigeria geflohen sind.

Ein neuer Bürgerkrieg in Afrika

Im Oktober 2018 sollen Präsidentschaftswahlen stattfinden. Der Konflikt könnte dann vorerst seinen traurigen Höhepunkt erreichen. Schon jetzt versuchen die Separatisten Straßen zu blockieren und die Verkehrswege zum frankophonen Teil Kameruns abzuschneiden. Sie wollen die Wahl auf dem angestrebten Staatsgebiet mit allen Mitteln boykottieren. Wie es weitergeht ist unklar. Fest steht, dass die Unabhängigkeitskämpfer, auch befeuert durch das brutale Vorgehen des Militärs gegen die Zivilbevölkerung, immer mehr Zulauf haben. Auch wenn es seitens des Kinderhilfswerks UNICEF und Amnesty International besorgniserregende Berichte zum Konflikt in Kamerun gibt, konnte man bisher keine größeren Bestrebungen der Staatengemeinschaft erkennen, beschwichtigend auf den Konflikt einzuwirken. Wie so oft wird dies vermutlich erst geschehen, wenn die Situation bereits eskaliert ist und wir einen neuen Bürgerkrieg in Afrika haben, der sich dann wieder über Jahre oder Jahrzehnte hinziehen könnte.